Interview – MIXED UP Gewinner 2011

Nachgefragt – Interview mit Tanja Eickmeier

Aus dem Keller an die Spitze – Fotozentrum wird MIXED UP Gewinner 2011

Das „Europäische Fotozentrum für junge Fotografie“ ist seit 17 Jahren in der Friedrich-Fröbel-Schule in Viernheim (Hessen) herangewachsen. Seine Keimzelle hatte es im Keller der Schule und im Engagement des damaligen Rektors Giselher Buhl, der dort das Fotolabor für die Foto-AG an der Haupt- und Realschule einrichtete. Heute ist die AG zum Wahlpflichtfach aufgestiegen und ein kultureller Zweig der Schule. Wo kommt so viel Wachstum her? Tanja Eickmeier ist Leiterin des Fotozentrums und hat dazu einige Antworten. Das „Kultur macht Schule“-Team wollte aber erst mal Folgendes  wissen:

Wenn der Grundstein zum Fotozentrum im Schulkeller gelegt wurde – wie kommt dann das „europäisch“ in den Namen?
Das kommt von den Schülerinnen und Schüler. Es gibt und gab an der Friedrich-Fröbel-Haupt- und Realschule schon immer viele Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund und diese Kinder wollten das „europäisch“ im Namen haben. Mittlerweile ist es aber auch so, dass wir europäische Künstler ausstellen. Junge Künstler. Wir sind bestrebt, Nachwuchskünstler zu fördern. Wir haben gerade eben die Fotografien von Grundschulkindern ausgestellt.

Nun heißt es ja, das „Europäische Fotozentrum für junge Fotografie“ ist in die Friedrich-Fröbel Schule „integriert“. Wie sieht das räumlich aus?
Wir sind in der Schule überall präsent durch unsere weiträumige Galerie. In den Gängen und im Foyer schmücken bis zu 180 Fotografien die Wände. Außerdem haben wir in der Schule ein analoges Fotolabor für Schwarz-Weiß-Fotografie, einen Seminarraum mit drei Computern, auf denen digitale Bildbearbeitungsprogramme sind, und ein einfach ausgestattetes Fotostudio im Keller der Schule. Jetzt, da wir ungefähr 50 Schüler im Projekt haben, bekommen wir noch weitere Labtops und dürfen auch auf den Kunstraum ausweichen.

Und des Pudels Kern? Wie findet die Integration in den Schulbetrieb statt?
Die haben wir im schulinternen Curriculum stehen: Wir haben uns als Mittelstufenschule ein Profil der kulturellen Praxis gegeben. Das beruht auf zwei Säulen: eine ist Musik und die andere Fotografie. Die Fotografie ist als Wahlpflichtfach, das auch benotet wird, im Stundenplan verankert. Wir setzen als Projektleiter einen Rahmen, also, zum Beispiel, das Thema „Stadtfotografie in Mannheim“ und die Schülerinnen und Schüler erarbeiten das dann. Wir, Sonja Schmitt und ich, assistieren ihnen dabei.

Ist dies eben die Besonderheit bei Ihrem Projekt, dass es aus dem Schulleben heraus herangewachsen ist und eng verzahnt bleibt, auch personell?
Ja, das stimmt. Der Initiator, Giselher Buhl, war damals Rektor an der Schule. Ich war einmal hauptamtliche Lehrerin an der Schule, jetzt bin ich nur noch freitags dort und arbeite hauptamtlich als Rektorin und zugleich Ausbildungsleiterin am Studienseminar Grund-, Haupt-, und Förderschule in Heppenheim. Sonja Schmitt ist als Kunstlehrerin jeden Tag vor Ort. Außerdem bauen auch andere Lehrer Kontakte zum Projekt auf. Im Deutschunterricht werden Fotos aus dem Projekt zur Bildbeschreibung genutzt, ein Referendar hat seine Abschlussarbeit darüber geschrieben …

Schön, wenn das Kollegium mitzieht. Aber, wie sieht es mit der Wirkung auf Schüler/innen aus?

In den zwei Jahren, die die Foto-Schülerinnen und -Schüler mindestens am Wahlpflichtfach teilnehmen, verändert sich an deren Sehweise eine Menge. Am Anfang machen die eher so Witz-Fotos, auf denen sie sich gegenseitig Hasenohren zeigen. Dann merken sie aber, dass es das irgendwie nicht sein kann. Sie entwickeln nach und nach einen Sinn für Ästhetik. Das geht bis hin zu so scheinbaren Nebensächlichkeiten, dass ein gutes Foto in einem sauberen Rahmen gerade an der Wand hängen sollte. Das erkennen sie dann.

Gibt es denn auch einen Blickwinkelwechsel in Sachen Lernkultur?

Bei den Foto-Schülerinnen und Schülern auf jeden Fall: Sie merken, es muss ein Miteinander sein, gegeneinander geht nichts. Zum Beispiel beim Aufhängen der Ausstellung. Da gibt es auch kein Hitzefrei mehr. Das hat viel mit Eigenverantwortung zu tun und damit, dass eine Ausstellung etwas Reelles ist. Der Blickwinkelwechsel wird besonders dadurch deutlich, dass in den letzten 10 Jahren etwa 15 Schüler beruflich Fotografen oder Mediengestalter geworden sind. Ein Großteil der Schülerinnen und Schüler fotografiert nach dem Verlassen der Schule weiter.

Kann denn diese Blickwinkelverschiebung auch über das Projekt und die 50 Foto-Schüler/innen hinaustransportiert werden?
Interessanterweise haben wir beobachtet, dass die Fotoausstellungen in der Schule unser Schulgebäude schützen. Während einer Ausstellungsphase werden die Wände nicht bekritzelt und es gibt weniger Rempeleien. Die Foto-Schülerinnen und -Schüler sind stolz auf ihr Werk und die anderen erleben eine verschönerte Schule. Wenn mal ein, zwei Wochen nichts hängt, wird schon nach neuen Fotos gefragt und die Wände werden langsam wieder mehr bekritzelt oder beklebt.

Worin sehen Sie die besondere Qualität des „Europäischen Fotozentrum für junge Fotografie“ der Friedrich-Fröbel Schule?
In unserem Erfolg, den wir auch nach außen haben. Zu unseren Ausstellungen kommen echte Besucher aus der Region, das ist keine schulinterne Veranstaltung. Seit Bestehen des Fotozentrums finden enge Kooperationen mit kommunalen Einrichtungen wie der Viernheimer Volkshochschule, die städtische Musikschule, Kirchen, Banken, Firmen usw. statt. Beispielsweise hat ein Cafe aus der Stadt uns gebeten, ein Bildband über es zu machen. Die Stadt hat wegen eines Foto-Kalenders angefragt und eine evangelische Gemeinde möchte, dass wir ihre Kirche porträtieren. Das machen die ja nicht nur, weil es umsonst ist, sondern auch wegen der Qualität. Sonst gäbe es irgendwann keine Anfragen mehr, nachdem wir diese Aufträge umgesetzt haben. Außerdem müssen sich unsere Schülerinnen und Schüler der öffentlichen Diskussion stellen, dazu laden wir auch Fotointeressierte ein.

Und – wie erreicht man Praxisqualität?
Einmal dadurch, dass die Schülerinnen und Schüler zwei Jahre Zeit haben, sich schrittweise an ein gutes Bild anzunähern. Von der Schwarz-Weiß-Fotografie, mit dem dazugehörigen Filme entwickeln, Belichtungen ausprobieren, neu machen und lernen, dass man die Tür zur Dunkelkammer nicht einfach aufreißt, bis zum hochwertigen Digitalfoto. Nicht alles ist sofort gut und wird angenommen.

Wo liegt dabei die Verantwortung der Beteiligten?
Die Verantwortung der Lehrer und Projektleiter ist es, am Beginn den Schülern und Schülerinnen die Regeln zur Zusammenarbeit und die Nutzung von Freiräumen zu vermitteln. Dann übernehmen die Schülerinnen und Schüler immer mehr die Verantwortung für ihr eigenes Werk und dessen Qualität.

Advertisements

Über fotozentrum

About myself
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.